„Forderung nach digitalen Geräten im Unterricht ist staatlich verordnete Drogenabhängigkeit“

Written by on 10. Januar 2018

Messerscharfe Analysen, streitbare Ansichten: Ein spannendes Gespräch mit dem renommierten Philosophen und Autor Konrad Paul Liessmann im „Wissenschaftsradio“! Warum er die Bestrebungen, digitale Endgeräte wie Tablets in den Schulunterricht einzubauen, nicht gutheißt, seine Kritik am Bildungssystem, warum er gegen das Gendern in der Sprache ist und sein nächstes Buch nichts mit Bildung zu tun haben wird.

Nicht nur die Wiedereinführung von Studierendengebühren (ab Herbst 2018 sollen dem Vernehmen nach bereits berufstätige Langzeitstudierende zur Kasse gebeten werden) und die geplanten „neuen Herbstferien“ zwischen Nationalfeiertag und Allerheiligen im Schuljahr 2019 sorgen für Diskussionen, generell ist der Themenkomplex „Bildung“ hochaktuell: Österreichs Universitäten sind in internationalen Rankings nur im Mittelfeld; auch Innovationsvergleiche sehen das Land nicht vorne dabei, zeigen Studien. Oft gestellte Forderung in diesem Zusammenhang: Ein langjähriges Budget anstatt jährlicher Verhandlungen um Geldmittel.  – Der renommierte Philosoph Konrad Paul Liessmann (Uni Wien) geht in seinem aktuellen Buch „Bildung als Provokation“, erschienen im Zsolnay Verlag, mit dem österreichischen Bildungssystem hart ins Gericht. Statt vor allem im späteren Beruf verwertbares Wissen vermittelt zu bekommen, sollten Jugendliche auch verstärkt wieder für die faszinierenden Aspekte der klassischen Literatur gewonnen werden. „Ich habe betont, es geht mir nicht darum, junge Menschen dazu zu zwingen, aber ich halte es für barbarisch, es ihnen vorzuenthalten. Man muss es zumindest als Angebot halten“, so Liessmann im Talk mit Moderator Paul Buchacher. „Es schadet jemandem nicht, der nur noch gewohnt ist, auf Plattformen wie Facebook oder WhatsApp zu kommunizieren – in der für diese Plattformen entsprechenden Sprache -, zu sehen, dass man auch ganz anders schreiben, sprechen und damit auch ganz anders denken und fühlen kann.“ – Hintergrund dieser Thematik: Neben den Kernaufgaben Forschung und Lehre sollen Unis und FHs zunehmend bestimmte Transferleistungen erbringen, die unter dem Begriff „Third Mission“ zusammengefasst werden. Die Ergebnisse der „Uni-Forschung“ sollen für Gesellschaft und Wirtschaft nutzbar gemacht werden, lautet die Anforderung (Technologie, Wissenstransfer). Genau diesen Fokus auf die „Verwertbarkeit“ von (vermittelten) Wissensinhalten sieht Liessmann kritisch. Es müsse darüber hinaus auch etwas anderes gelehrt werden, meint er sinngemäß – etwa die Begeisterung für Literatur.

Liessmann hält außerdem wenig von den starken Bestrebungen nach Medieneinsatz im Schul-Unterricht, zum Beispiel Tablets. „Jugendliche wachsen ohnehin mit diesen Geräten auf, das braucht man ihnen nicht beizubringen“, erklärt Liessmann. „Was man ihnen vermitteln kann, ist ein tieferes Verständnis zu den Strukturen und Algorithmen sowie der Konzeption, die hinter diesen Geräten bzw. den Programmen, die sie benützen, steckt.“ Es gebe zahlreiche Vergleichs-Studien, die belegen, dass „Nicht-Computerklassen“ in entscheidenden Punkten wie „Lesen“ und „Fremdsprachenerwerb“ besser abschneiden wie „Computer-Klassen“. Liessmann: „Ich verstehe deshalb nicht, warum man glaubt, man muss den Einsatz von digitalen Endgeräten forcieren (Anm.: „erzwingen“).  Was will man hier eigentlich? Will man, dass junge Menschen sich souverän Kulturtechniken aneignen oder dass sie an ihren Tablets hängen, dort blöd herumspielen und ansonsten nichts denken?“ Die erwähnte Forcierung bezeichnete Liessmann in einem Gastkommentar für die „Neue Zürcher Zeitung“ einmal als „staatlich verordnete Drogenabhängigkeit“, wie er im Gespräch anmerkt. Zahlreiche Studien würden belegen, dass die Endgeräte ein Suchtpotential haben. „Und das führt natürlich nicht dazu, dass hier reflektiert Wissen angeeignet oder mit Wissen umgegangen wird“, so der Philosoph. Schulen haben aus seiner Sicht die Aufgabe, hier Kontrapunkte zu setzen „und die Formen des analogen Denkens zu unterstreichen“. – Nicht nur gegen den Übereinsatz digitaler Endgeräte, auch gegen die geschlechtergerechte Sprache (Gendern, Nennung von weiblicher und männlicher Form) spricht er sich aus. „Es hilft nichts, Frauen in der Sprache sichtbar zu machen, wenn sie aber nicht da sind“, meint Liessmann. „Ich wehre mich nur gegen die Absurditäten, dass die weibliche Form oder das Binnen-I eine Sichtbarkeit suggeriert (Anm.: „vermittelt“), die blanke Illusion ist. Es hat keinen Sinn, wenn man die Bibel in geschlechtergerechter Sprache neu übersetzt und dann ist von Hirtinnen und Hirten auf dem Feld die Rede. Es gab damals keine weiblichen Hirten, aus, fertig.“ Und: „Jetzt haben wir das Problem, dass es auch ein drittes Geschlecht gibt. Es gibt inter- und transsexuelle Menschen, die werden sich jetzt ausgeschlossen fühlen. Jetzt muss ich die auch noch unterbringen und bei jeder Ansprache sagen: ,Liebe Kolleginnen und Kollegen und solche, die sich weder als Kolleginnen oder Kollegen verstehen.‘ Dann nimmt das ganze irgendwann absurde Züge an und Kommunikation wird erschwert.“

Der Bestsellerautor (feiert 2018 seinen 65. Geburtstag) hegt bereits Pläne für ein neues Buch. Zumindest so viel lässt er sich entlocken, dass es nichts mit Bildungs-Fragen zu tun haben wird. „Das Interessante ist, dass das erste – die ,Theorie der Unbildung‘, das 2006 erschienen ist -, noch immer in den Bestsellerlisten ist. Und ein Buch über Bildung geschrieben zu haben, dass nach Jahren sich noch immer als realitätsnahe erweist, zeigt mir, dass ich auch in zehn Jahren kein anderes Buch werde schreiben müssen. Da wende ich mich anderen Themen zu.“ – Außerdem: Redakteur Michel Mehle macht in der Sendung eine fiese Wissens-Challenge mit den österreichischen YoutuberInnen Laura Falquez und Benhamin Sauer alias Sautschi!

Der Podcast zum Nachhören:

Credit: Pixabay


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